22 01 2022

Ein Unternehmer darf ein Freak sein – aber kein Arschloch: Reflexionen über den Film „Steve Jobs“.

Wenn es einen Unternehmer gibt, der in den letzten Jahrzehnten die Welt fasziniert und verändert hat, dann Steve Jobs. Über ihn gibt es gleich zwei Spielfilme: einen von 2013 mit Ashton Kutcher in der Hauptrolle, und einen von 2015 mit Michael Fassbender.

Den zweiten Film habe ich mir nun noch einmal angesehen. Besonders hat mich dabei der Charakter von Steve Jobs fasziniert: Er war ein verrückter Freak, ein Genie, ein Künstler, und zugleich in seinem Umgang mit Menschen ein echt mieser Typ. Und ich habe mich gefragt: Gehört beides am Ende etwa untrennbar zusammen?

Ein Streit nach dem anderen

Der Film zeigt Gespräche am Rande dreier großer Produktpräsentationen: der des Macintosh 1984, der von NeXT 1988, nachdem Jobs Apple verlassen und eine eigenes neues Unternehmen gegründet hat, und der des iMac 1998, nachdem Apple NeXT übernommen hat und er als CEO zurückgekehrt ist.

Dabei stehen nicht die vorgestellten Produkte im Vordergrund, sondern vielmehr ein Querschnitt durch das Leben von Steve Jobs mit all seinen inneren und äußeren Konflikten und seine Persönlichkeit.

Meistens streitet er in diesem Film: mit seiner Ex-Freundin Chrisann Brennan über die Tochter Lisa, die er anfangs nicht als seine Tochter anerkennt; mit seinem Ingenieur Andy Hertzfeld über sein Verhältnis zu Lisa und über die nicht funktionierende Sprachdemo des Macintosh 128K; mit Apple-Mitbegründer Steve Wozniak über seine Weigerung, das Apple II-Team in seiner Präsentation zu erwähnen; mit Apple-CEO John Sculley über die Apple-Strategie und seinen Rauswurf; mit seiner Marketingleiterin Joanna Hoffman über seine Tochter, die Zukunftschancen von NeXT und alles mögliche andere.

Am Ende erkennt er Lisa, der er im Laufe der Jahre immer näher gekommen ist, als seine Tochter an und entschuldigt sich bei ihr. Als er ihren Walkman sieht, verspricht er ihr, dass sie bald mehr Musik in ihrer Tasche haben wird …

Das Fehlen von Empathie

Jobs wird in diesem Film gezeigt als Stinkstiefel, der Menschen überwiegend schlecht behandelt. Er steht auch dazu, wenn er sagt: „Es ist mir egal, ob mich jemand leiden kann.“

Nun finde ich auch, dass es kein gutes Ziel für einen Chef ist, „everybodys darling“ zu sein. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir Unternehmer es nicht immer vermeiden können, Menschen auch mal vor den Kopf zu stoßen.

Manchmal liegt es an unserer eigenen Inkompetenz, manchmal liegt es auch an den Mitarbeitern, wenn wir mal etwas direkter werden, und oft ist es auch einfach abhängig von der Tagesform. Und ich gebe zu: Wenn ich Druck habe, führe ich anders, als wenn ich das nicht habe.

Doch das Verhalten, das Jobs im Film zeigt, geht weit über manchmal notwendiges Zähne-zeigen oder gelegentliches im-Ton-vergreifen hinaus. Ihm fehlt gegenüber den Menschen, mit denen er spricht, ganz offensichtlich jegliche Empathie. Mal abgesehen davon, dass er das mit dem Sich-entschuldigen auch nicht ganz so gut drauf zu haben scheint.

Ihr seid die Kunden!

Umso erstaunlicher, dass der reale Jobs zu großer Empathie fähig war – gegenüber seinen Kunden. Er wusste: Seine eigenen Bedürfnisse hatten auch andere Menschen – und sie wurden von seinen Produkten zur Befriedigung dieser Bedürfnisse genauso angemacht sein wie er selbst. 

Seine Empathie in Richtung Kunden bestand nicht darin, die Innovationskraft an sie zu delegieren und sie zu fragen, was sie sich wünschten. Seinen ganz anderen Ansatz drückt er im Film so aus: „Die Leute wissen nicht, was sie wollen, bis man es ihnen zeigt.“

Das gefällt mir. Ich selbst animiere in unseren kreativen Prozessen die Beteiligten: „Geht mit dem Anspruch an die Arbeit, als wäret ihr selbst der Kunde.“

Ergebnis und Erlebnis

Wenn Jobs aber die Kunden ernster als seine Mitarbeiter nimmt, die ihm nur Mittel zum Zweck zu seinen scheinen, widerspricht das diametral dem, was ich mit „Frohes schaffen“ meine.

Beim „schaffen“ geht es mir darum, Ziele zu erreichen, es ist ergebnisorientiert. Und um Schaffenskraft zu entfalten, werfe ich zusätzlich das „Frohe“ im Sinne von Empathie und Zuneigung in die Waagschale – nicht nur orientiert am Ergebnis, sondern auch am gemeinsamen Erlebnis, einem Miteinander statt nur einem Nebeneinander oder gar einem Gegeneinander.

Für mich sind das keine Gegensätze, sondern die Kunst besteht darin, beides zu verbinden. So verstehe ich auch Steve Wozniak, wenn er im Film sagt: „Es ist nicht binär. Du kannst ein Genie und ein anständiger Mann sein.“

Genie und Künstler

Wobei im Wort „Genie“ noch ein anderes Thema anklingt, über das Wozniak mit Jobs streitet. Er fragt ihn: „Du bist kein Ingenieur, Du bist kein Designer, Du kannst nicht mal ´nen Nagel in die Wand schlagen. Wie kommt es also, dass ich zehnmal am Tag lese ‚Steve Jobs ist ein Genie‘? Was tust Du eigentlich?"

Jobs antwortet darauf: „Musiker spielen ihre Instrumente, ich spiele das Orchester.“ Darin erkenne ich den Gegensatz zwischen den Rollen als Fachkraft bzw. Manager oder eben als Unternehmer wieder, zwischen denen wir immer wieder den richtigen Mix finden müssen. Ja, ein Unternehmer sollte das Orchester spielen und nicht zu viele einzelne Instrumente – die er noch nicht einmal spielen können muss. 

Der Anspruch eines Unternehmers geht über seine Produkte und das Tagesgeschäft hinaus: Er will ein Stück weit die Welt verändern. Steve Jobs drückt das im Film so aus: „Ich habe die Zukunft in einer Garage erfunden. Künstler heben die Welt aus den Angeln, Mitläufer heben nur die Hände.“

Das klingt etwas arrogant, aber in der Sache folge ich dem sehr. Gerade wir mittelständischen Unternehmer können uns ruhig mehr trauen, uns als „Künstler“ zu verstehen und auch mal „verrückt“ zu denken. Was würde aus unseren Unternehmen, wenn wir uns öfter vornehmen würden, die Zukunft zu erfinden und die Welt aus den Angeln zu heben?

Ein Unternehmer muss kein Arschloch sein

Mir sagen manchmal Leute, ich wäre ein „Freak“. Ich mag das, und ich finde, wir Mittelständler können ruhig häufiger aus unserem bodenständigen Understatement ausbrechen und anders und größer denken. Ob wir das nun „Freak“, Künstler“ oder – wie bei Jobs – „Genie“ nennen, ist dabei zweitrangig.

Steve Wozniak erkennt diese Fähigkeit von Jobs sogar an, wenn er sagt: „Wenn mich früher jemand gefragt hat, was ist der Unterschied zwischen Steve Jobs und mir, dann habe ich gesagt: Steve ist der Mann fürs große Ganze, ich sitze eher an der Werkbank.“

Darin, sich an diesem „großen Ganzen“ zu orientieren, ist Steve Jobs mir ein Vorbild. In etwas Anderem nicht – denn Wozniak fügt an diesen Satz noch an: „Wenn mich heute jemand fragt, dann sage ich: Steve ist ein Arschloch!“

Nein, das ist nicht binär. Ein Unternehmer darf, ja, er sollte ein Freak sein. Aber deswegen muss er noch lange kein Arschloch sein.

Und wie viel Freak und wie viel Stinkstiefel steckt in Ihnen als Unternehmer? Sind Sie emphatisch gegenüber Ihren Kunden und Ihren Mitarbeitern? Schreiben Sie mir doch mal darüber – und über andere gute Unternehmerfilme. Und vor allem: Tauschen Sie sich auch mit anderen Unternehmern darüber aus!

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