11 12 2021

Unternehmerisches Vorbild: ein Mistkerl. Was Mittelständler von „Wolf of Wallstreet“ mitnehmen können.

Vor kurzem habe ich hier zum ersten Mal über einen Unternehmerfilm geschrieben. Und festgestellt: So ein Film bringt mich auf Fragen, die ich mir sonst nicht stellen würde. Heute mache ich weiter mit dem zweiten Film, mit „Wolf of Wall Street“. 

Echt jetzt? Ein Film über Raubtierkapitalismus schlimmster Sorte? Mit einem, der rücksichtslos und kriminell alle Regeln bricht? Ja, genau! Denn ich finde, von dem Typen können wir mittelständischen Unternehmer uns einiges abgucken. Fragt sich halt nur, was …

Unstillbare Gier

Die Story: Am „Schwarzen Montag“ 1987 in New York verliert der junge und ehrgeizige Aktienhändler Jordan Belfort (den es wirklich gibt, der Film basiert auf seinen Memoiren) seinen Job in einem Traditionsbankhaus. Er gründet eine Maklerfirma, die mit „Pennystocks“ (Aktien, die unter 5 USD notieren) handelt. 

Er wird zum Shootingstar der New Yorker Börse und steigt zum Multimillionär auf. Mit seinem Reichtum finanziert er einen Lebensstil, der von Drogen und Sex geprägt ist. Jordan wird übermütig, er ist von unstillbarer Gier getrieben und verstrickt sich immer mehr in illegalen Geschäften. 

Das zieht die Aufmerksamkeit der Justiz und des FBI auf sich. Als alles einzustürzen droht, ist er für eine Verkürzung der drohenden Haftstrafe bereit, mit den Behörden zu kooperieren. Das Unternehmen wird geschlossen, er und viele andere werden verhaftet. Nach der Entlassung wird Belfort Motivations- und Verkaufstrainer …

Ein richtig guter Unternehmer

Müssen wir darüber reden, dass dieser Mann ein geldgieriger, gewissenloser Egomane ist? Dass er kein bisschen von dem zeigt, was man Sitte und Anstand nennt? 

Geschenkt! Das ist mir zu einfach und zu langweilig. Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Dann können Sie von jedem Schurken noch etwas lernen, und zwar sogar etwas Gescheites. Sie müssen sich das nur herausfiltern. Wie beim Kaffee. Von dem, was durchläuft, können Sie sich anregen lassen. 

Wenn ich mir also das für mich Interessante aus Jordan Belfort herausfiltere, stelle ich fest: Der Mann hat verdammt viele Tugenden und Skills, die einen richtig guten Unternehmer ausmachen. Er ist charmant, risikobereit, weitsichtig, kreativ, kann sich auf andere Leute einstellen, hat Verkaufstalent.  

Das ist das Mindset, das wir Unternehmer brauchen, um in die Gänge zu kommen. Ich glaube allerdings, dass Belfort den meisten mittelständischen Unternehmern da nicht mehr viel beibringen kann.

Aber ich finde etwas anderes bei ihm nachahmenswert: Er ist groß darin, seine Leute für sich zu gewinnen. Mit seinen Motivationsansprachen begeistert er sie so sehr, dass Sie bereit sind, alle Grenzen zu überwinden. 

Der überspringende Funke

Davon können sich viele mittelständische Unternehmer noch etwas abgucken. Denn deren Problem ist oft, ist dass sie ihre Mitarbeiter mit ihrer eigenen Begeisterung nicht so richtig heiß machen.

Das hat unterschiedliche Gründe: Manche brennen einfach nicht mehr so sehr für ihr Unternehmen, so dass der Funke nicht überspringt. Das sind meist die, die zu viel in der Fachkraft- oder Manager-Rolle, aber nicht (mehr) oder viel zu selten in der Unternehmer-Rolle unterwegs sind. Wer aber andere anstecken will, in dem muss ein Feuer brennen, sonst wird das nichts. 

Andere haben es einfach nicht so drauf, ihre Begeisterung rüberzubringen. Zumindest fällt ihnen das gegenüber Mitarbeitern deutlich schwerer als gegenüber Kunden. Vielleicht, weil sie sich von denen Belohnung erhoffen, während die Mitarbeiter schließlich Geld für ihre Leistung bekommen?

Zudem sind die meisten halt auch nicht so diese „Tschakka-Tschakka“-Typen. Zugegeben, auch mir ist die sehr amerikanische, exaltierte Showmanier, in der Belfort zu seinen Leuten spricht, fremd, ich glaube, das funktioniert so mit deutschen (erst recht norddeutschen) Mitarbeitern auch gar nicht …

Aber zu zeigen, ich bin total begeistert und überzeugt von dem, was wir hier machen, und Ihr seid wichtig dafür, dass das auch alles klappt, und Ihr habt auch was davon – das so über den Sender zu kriegen, dass es die Mitarbeiter richtig anmacht, das hat was. Wie Sie das umsetzen, können Sie nach Geschmack und Temperament selbst ausprobieren. Aber darauf komplett zu verzichten, ist keine gute Idee.  

Dass übrigens viele Mittelständler für das, was sie machen, brennen, aber es nicht rüberkriegen, hat auch etwas mit fehlender Markenführung zu tun. Denn da geht es letztlich darum, die eigene unternehmerische Identität so zu transportieren, dass alle innerhalb und außerhalb des Unternehmens das wahrnehmen können.

Win-Win statt Win-Loose

Wobei das mit der Ausstrahlung nach außen bei Belfort Grenzen hat. Klar, er ist ein genialer Verkäufer, kennt alle Tricks und kann sich in die Kunden hineindenken. Mit der Aufforderung „Verkauf mir diesen Stift“ demonstriert er seinen Mitarbeitern, dass es nichts bringt, über die Vorzüge des Produktes zu reden, sondern dass sie das Bedürfnis danach wecken müssen. 

Auch das ist übrigens etwas, was vielen Mittelständlern schwerfällt, die lieber über ihr Produkt sprechen wollen und verkäuferisches Storytelling nicht so draufhaben, weil es mit ihrer beruflichen Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Aber Belforts Problem ist, dass er seine Kunden im Grunde verachtet. Er will keinen Nutzen für sie, sondern nur für sich. Bei ihm geht es nicht um Win-Win, sondern um Win-Loose. Ich glaube fest daran, dass die Kunden so etwas irgendwann spüren. 

Bei KAAPKE® haben wir das Bild vom Rosenstrauß: Acht bis neun Rosen sind für den Kunden, nur ein bis zwei bleiben für uns übrig. Der Kunde muss mehr davon haben als wir, und deswegen immer so viel, dass für uns noch ausreichend was übrigbleibt. Das ist eine andere, das ist die mittelständische Haltung, die darauf zielt, Kunden wirklich dauerhaft zu begeistern und immer wieder für seine eigene Marke und deren Angebote zu gewinnen.

Sex and Drugs and RockNRoll

Bleibt noch die Sache mit dem Sex und den Drogen, oder auch dem geschrotteten Lamborghini Countach, der riesigen Villa oder der gigantischen Yacht. Ich habe mich beim Filmschauen gefragt, ob viele Mittelständler das im ersten Moment obszön und abstoßend finden, aber tief im Innern vielleicht auch denken: Geil wär’s schon! Wie bei den Rolling Stones: Wir leben nicht wie die, aber sie faszinieren uns. 

Ich will Ihnen da Belfort nicht als Vorbild aufschwatzen. Aber wir sind alle frei, unsere Welt zu definieren und das, was da schon obszön ist und was noch nicht. Belfort drückt das so aus: „Es war obszön … in der normalen Welt – aber wer wollte da schon leben?!“

Ich finde: Zwischen dem, was wir Unternehmer uns in der Welt, in der wir leben wollen, erlauben und dem, was Belfort macht, liegt eine Menge Gestaltungsfreiheit. Selbst da können wir also noch etwas von ihm lernen …

Und wie gut können Sie Ihre Mitarbeiter begeistern? Welche Freiheiten sind Sie bereit, sich zu gönnen? Schreiben Sie mir doch mal darüber – und über andere gute Unternehmerfilme. Und vor allem: Tauschen Sie sich auch mit anderen Unternehmern darüber aus!

Kommentare

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  • Ralf W. schrieb:

    Hallo Tim, mir gefällt der Vergleich mit dem Rosenstrauß. Wenn bei jedem Kunden am Ende von 10 Rosen zwei für den Unternehmer übrig bleiben, wird's am Ende doch noch ein schönes Bouquet und verdeutlicht, es muss bei Win:Win nicht 50:50 heißen.

    21 01 2022