20 05 2020

Neue Wertschätzung für alte Selbstverständlichkeiten: Über Emotionen im Social Distancing.

Durch Social Distancing fehlen uns allen im Moment auch persönliche Anerkennung und Wertschätzung. Die können wir durch digitale Kommunikation zum Teil kompensieren. Aber durch das technisierte „kalte“ Arbeiten über Video, Telefon und Mail kann ein spirituelles Vakuum entstehen – auch für uns als Unternehmer im Mittelstand.

Deswegen ist das jetzt für mich auch die Zeit neuer Wertschätzung für alte Selbstverständlichkeiten – und auch für neue Selbstverständlichkeiten.

Wertschätzung per Post

Eine alte Selbstverständlichkeit ist zum Beispiel das Versenden von handgeschriebener Post. Ich gebe zu: Das habe ich nicht mehr so oft praktiziert. Aber jetzt in der Corona-Zeit haben wir das zu Ostern neu belebt, um unsere Wertschätzung für unsere Mitarbeiter mal wieder anders auszudrücken.

Und das kam so: Meine zwei Töchter – 10 und 7 Jahre alt – haben vor kurzem ein Unternehmen gegründet. Sie hatten coronafrei und danach noch Osterferien. Normalerweise wissen sie sich gut zu beschäftigen, aber irgendwann wurde es ihnen dann trotz Garten und Hamster doch langweilig. Und von mir haben sie wohl mitbekommen, wie toll es ist, ein Unternehmen zu gründen.

Eines Tages, als ich gerade an meinem Schreibtisch saß und im Hintergrund leise Darwin Derby von Vulfpeck lief, kamen sie also zu mir und erzählten mir voller Begeisterung von ihrer Geschäftsidee: „Papa, wir machen einen Bilderladen auf!“ Mit Motiven, auf die sie selbst Lust hatten, oder aber auch mit Wunschmotiven der Kunden.

Wir sprachen über Kalkulation und Pricing, durchleuchteten das Geschäftsmodell, und am Ende verhandelten sie noch hart mit mir. Das Resultat: Meine Töchter bemalten 40 von mir zur Verfügung gestellte Karten mit Ostermotiven, damit meine Frau und ich jedem aus der KAAPKE Crew einen Ostergruß per Post mit handschriftlichen Grüßen auf der Rückseite schicken konnten.

Jede Karte war individuell selbstbemalt, jede war ein Unikat. Als Großabnehmer der 40 Stück bekam ich Mengenrabatt und eine handgeschriebene Rechnung. Und den Umsatz spendeten meine Töchter für „die armen Kinder“. Innerhalb von eineinhalb Wochen waren alle Karten fertig und zur Post gebracht.

Wertschätzung durch Überkommunikation

Natürlich freue ich mich über das „Unternehmer-Gen“ in meinen Töchtern. Aber das Ganze hat für mich noch eine andere Bedeutung: Handschriftliche Post steht für mich exemplarisch für Dinge, die mal selbstverständlich waren und ein wenig aus der Mode gekommen sind. Aber in Zeiten, in denen wir unsere sozialen Kontakte derart reduzieren müssen, gewinnen sie wieder eine ganz neue Bedeutung. Wir empfinden für sie neue Wertschätzung, und wir können damit unsere Wertschätzung für unsere Mitmenschen emotionaler ausdrücken als in jeder digitalen Schmalspurkommunikation.

Diese neue Wertschätzung für alte Selbstverständlichkeiten hat für mich ganz viel mit dem „FROHES“ in meinem „FROHES SCHAFFEN“ zu tun. Denn ich weigere mich standhaft, angesichts der Krise auf die Emotionen in unserem Geschäft und in unserem Miteinander zu verzichten. Wenn wir jetzt denken „Augen zu und durch, jetzt zählt nur noch der Blick auf das Ergebnis, ums Erlebnis kümmern wir uns wieder in besseren Zeiten“, dann machen wir einen schweren Fehler.

Denn die Gefahr ist jetzt noch mehr als sonst, dass wir unseren Job nur rational gut machen, aber nicht emotional. Unsere Mitarbeiter, unsere Kunden und unsere Lieferanten brauchen gerade jetzt Anerkennung und Wertschätzung.

Und wir Unternehmer auch: Ich jedenfalls habe in der Zeit des Homeoffice eine richtige Sehnsucht nach meinen Leuten entwickelt. Ich merke jetzt erst so richtig, wie sie mir fehlen. Nicht wegen der Arbeit, es geht um Emotionen, um unsere Beziehungen, ums gefühlte Miteinander.

Und deswegen machen wir im Moment nicht weniger, sondern mehr Kommunikation. Gezwungenermaßen hauptsächlich digital, aber wenn schon, denn schon:  Wir kommunizieren, was das Zeug hält, machen „Überkommunikation“. Ich rufe Mitarbeiter an, einfach nur um zu fragen, wie es Ihnen geht. Mit dem Leitungsteam haben wir jetzt jeden Tag ein „Daily“ von 15-30 Minuten, sonst war das im Schnitt zweimal im Monat. Einmal pro Woche kommuniziert die ganze Crew von über 30 Leuten im „Huddle“ miteinander, das passiert sonst einmal im Monat.

Und es gibt dabei interessante Nebeneffekte: die Treffen fallen nicht aus, sie sind immer pünktlich. Das ist eine der neuen Selbstverständlichkeiten, wie auch ein paar Rituale, die wir für die Besprechungen eingeführt haben: Die Beschreibung des eigenen emotionalen Befindens in einem Wort zu Beginn, die Danksagung von jedem an irgendjemanden in oder außerhalb unserer Firma und die Möglichkeit des Teilens einer persönlichen Erfolgsstory am Ende – möge sie noch so klein erscheinen.

Mir sind diese Meetings wichtiger denn je. Und ich merke an den Reaktionen der Mitarbeiter, dass ihnen die persönliche Begegnung, der direkte Kontakt, die alten Selbstverständlichkeiten genauso fehlen wie mir.

Alte und neue Selbstverständlichkeiten

Ich finde es wichtig, dass wir Mittelständler gerade jetzt in dieser Zeit kreativ werden, andere Möglichkeiten schaffen, um den gleichen Effekt zu erzielen, den wir sonst mit regelmäßiger persönlicher Begegnung haben. Das ist uns sonst so selbstverständlich und normal, dass wir das Besondere, das darin liegt, schon gar nicht mehr wahrnehmen und spüren.

Ich habe erkannt, dass mir diese Dinge helfen, und versuche, ein spirituelles Vakuum nicht aufkommen zu lassen. Das ist für mich eine neue Selbstverständlichkeit. Wir entwickeln neue Wertschätzung für alte Selbstverständlichkeiten, und neue Selbstverständlichkeiten, mit denen wir uns gegenseitig unsere Wertschätzung zeigen. Zu Ostern oder aus dem Homeoffice, jeden Tag neu. Und ich bin sicher: Manche neue Selbstverständlichkeiten werden die Krise überdauern.

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