08 01 2022

Als Unternehmer ruhig schlafen: Reflexionen über Erfolg und Moral beim Film „The Big Short“.

Über die Feiertage habe ich mit The Big Short wieder einen richtig guten Unternehmerfilm angesehen. Er schloß sich für mich an The Founder und Wolf of Wall Street an, über die ich ja schon im Blog erzählt habe. Alles Filme, die mich auf Fragen bringen, die ich mir sonst nicht so leicht stellen würde.

Die Frage bei diesem Film ist eine, über die wir Mittelständler alle immer mal nachdenken: Lässt uns das, was wir da machen und von dem wir leben, nachts ruhig schlafen?

Vielleicht machen meine Überlegungen auch Ihnen Lust auf eine Reflexion über Ihr Unternehmersein – und auf weitere Unternehmerfilme …

Krisengewinner

Der Film begleitet einige Leute aus dem Finanzsektor in New York um die Jahrtausendwende, die die Finanzkrise schon Jahre vorher kommen sehen und Gewinn daraus ziehen.

Der Hedgefond-Manager Michael Burry kommt hinter die Praktik großer Investmentbanken, sichere Hypothekenbestände vermischt mit risikoreichen Beständen weiterzuverkaufen. Er nimmt deshalb spezielle Credit Default Swaps (CDS), die mit Ausfallrisiken der Hypotheken handeln, in seinen Fonds auf.

Mark Baum leitet ein Investmentunternehmen unter dem Dach von Morgan Stanley. Der Makler Jared Vennett von der Deutschen Bank, der selbst an den CDSs interessiert ist, überzeugt Baum, sie ebenfalls in sein Portfolio aufzunehmen.

Charlie Geller und Jamie Shipley schließlich sind zwei junge Fondsmanager, die auf der Suche nach einer Partnerbank für größere Geschäfte auf Vennetts Verkaufsunterlagen stoßen und mit Hilfe des ehemaligen Top Bankers Ben Rickert ebenfalls in das CDS-Geschäft einsteigen.

In großem Stil setzen alle Beteiligten darauf, dass Zehntausende von Familien ihre Häuser verlieren. Als die Immobilienblase tatsächlich platzt und die Weltwirtschaftskrise 2007 beginnt, können sie einen enormen Profit einstreichen.

Unkonventionelle Typen

Profit durch Geschäfte mit den Verlusten anderer Menschen? Es ist leicht, so etwas als Mittelständler schnell von sich zu weisen mit dem Argument, dass wir mit dieser Art und diesen Dimensionen von unmoralischen Geschäften doch nun wirklich nichts zu tun haben.

Aber die Protagonisten in diesem Film sind gar nicht die typischen aalglatten und gewissenlosen Vertreter der Finanzbranche.

Der einäugige und autistische Hedgefonds-Manager Michael Burry hat die Attitüde des genialen Außenseiters, der barfuß und im T-Shirt eher wie ein unkonventioneller Start-up-Unternehmer rüberkommt. Ich hab mich in der Unbeirrbarkeit, mit der er an seine Strategie glaubt und sie gegen alle Zweifler verfolgt, an meine eigenen Anfänge erinnert: als ich vor 21 Jahren meinen gutdotierten Job in einer Werbeagentur aufgab, um Markenführung für Mittelständler anzubieten – eine Idee, über die mein damaliger Chef nur den Kopf schüttelte.

Auch die beiden jungen Fondsmanager Charlie Geller und Jamie Shipley sind typische Start-up-Unternehmer, und sie verkörpern mit ihrer Neugier und Begeisterung auch durchaus mittelständische Tugenden.

Und der Investmentunternehmer Mark Baum ist ein desillusionierter Zyniker, dem die in seinen Augen heuchlerische und gierige Finanzbranche verhasst ist – trotzdem aber versucht er, in ihr irgendwie seine moralische Integrität zu wahren.

KO-Schlag gegen Banken

Diese gar nicht mal unsympathischen Typen spekulieren auf den großen  Crash – und verdienen am Ende an ihm. Aber die viel unmoralischer handelnden Urheber der Krise sind die Banken, über die es an einer Stelle im Film heißt: „Sie wussten, dass die Steuerzahler sie retten würden. Sie waren gar nicht dumm, es war ihnen einfach nur egal.“

Die Helden dieses Films machen eigentlich nicht viel mehr, als dieses Verhalten zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen, so wie es Jared Vennett formuliert: „Diese Außenseiter jedenfalls erkannten die riesige Lüge im Inneren der Wirtschaft. Sie sahen sie, indem sie etwas taten, worauf der Rest der Volltrottel niemals gekommen wäre: sie sahen hin.“

Das entspricht ganz wertfrei durchaus dem, was für mich eine der größten unternehmerischen Tugenden überhaupt ist: Wie beim Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ Chancen und Potenziale schneller und klarer als andere zu erkennen.

Und so ist neben der Aussicht auf eigenen Profit in ihren Aktivitäten auch etwas von der schon fast wieder moralischen Motivation spürbar, den Banken ihr Tun heimzuzahlen: „Die Banken haben das amerikanische Volk hintergangen. Jetzt setzen wir zum KO-Schlag an!“

Ein Unternehmer hat „seinen Moralischen“

Lediglich das Fehlverhalten anderer auszunutzen und daran zu verdienen, auf Kosten einer ganzen Volkswirtschaft: Ist das also moralisch okay? Natürlich nicht! Die Protagonisten wetten gegen die unverantwortlich handelnden Banken und setzen dabei – genauso unverantwortlich – auf den Crash.

Das entspricht in dieser Dimension und Kaltschnäuzigkeit auch kein bisschen dem, was ich unter mittelständischen Tugenden verstehe. Und dennoch habe ich mich beim Nachdenken darüber an ein Gespräch mit einem mittelständischen Unternehmer im Coaching erinnert.

Der hatte, wie er es ausdrückte, gerade „seinen Moralischen“, weil eines seiner Produkte für einen Zweck eingesetzt wurde, den er nicht mehr okay fand – genauer will ich das aus Gründen der Diskretion hier nicht beschreiben.

Er meinte: „Für den Zweck ist unser Produkt das Beste weltweit, aber wenn ich mal einen Schritt weiter denke, ist das sowas von überholt! Auf der einen Seite müsste ich das sofort stoppen. Auf der anderen Seite: Wenn wir das Geschäft nicht machen, macht es ein anderer …“

Unternehmer im Dilemma

Vor ähnlichen Dilemmas stehen viele von uns mittelständischen Unternehmern immer mal wieder. Ob es zum Beispiel um Produkte für die Waffen- oder vielleicht auch für die Automobil- oder Fleischverarbeitungsindustrie geht – je nach den eigenen Werten, die sich mit der Zeit ja auch ändern können, ist es möglich, dass sich für uns die Frage nach unserer moralischen Verantwortung als Unternehmer auf einmal ganz neu stellt.

Im Coaching haben wir darüber gesprochen, wie der Unternehmer diese Zerreißprobe bestehen konnte. Er war wirtschaftlich angewiesen auf das Produkt, und er konnte schon aus Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern nicht von heute auf morgen damit aufhören. Aber er konnte über sinnvollere Alternativen nachdenken, und dann in einer Parallelspur daran arbeiten.

Genau das hat er dann gemacht, und bei unserer letzten Begegnung vertraute er mir an, dass er jetzt wieder besser schlafen könne. Ich freute mich mit ihm und dachte: So einen „Moralischen“ sollten wir uns ruhig öfter erlauben. Denn er eröffnet uns neue Perspektiven und Möglichkeiten.

Und wie ruhig können Sie schlafen bei dem, was Sie tun? Waren Sie auch schon mal im moralischen Dilemma? Schreiben Sie mir doch mal darüber – und über andere gute Unternehmerfilme. Und vor allem: Tauschen Sie sich auch mit anderen Unternehmern darüber aus!

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