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Was bleibt beim Unternehmer?
10.09.2026
Timo Kaapke

Als Unternehmer gewöhnt man sich daran, Entscheidungen zu treffen. Gerade in den ersten Jahren eines Unternehmens bleibt einem häufig auch gar nichts anderes übrig. Man kennt jeden Kunden, spricht mit jedem Mitarbeiter, entscheidet über Investitionen und beschäftigt sich mit Fragen, die später vielleicht selbstverständlich an anderer Stelle im Unternehmen beantwortet werden. Das Unternehmen und die eigene Person liegen in dieser Phase ziemlich dicht beieinander.

Wenn das Unternehmen wächst, muss sich das verändern. Es kommen Menschen hinzu, die Verantwortung übernehmen. Zuständigkeiten entstehen, Führungsebenen entwickeln sich und irgendwann werden Entscheidungen getroffen, von denen der Unternehmer möglicherweise erst im Nachhinein erfährt.

Das ist kein Verlust von Kontrolle. Zumindest sollte es keiner sein. Es ist zunächst einmal eine notwendige Entwicklung.

Kein Unternehmen kann dauerhaft wachsen, wenn jede relevante Entscheidung über den Schreibtisch eines einzelnen Menschen laufen muss. Und vermutlich ist es auch keine besonders gute Vorstellung von Unternehmersein, überall derjenige sein zu wollen, der am Ende die Antwort kennt.

Trotzdem entsteht mit dieser Entwicklung eine Frage, die ich interessant finde: Was bleibt eigentlich beim Unternehmer?

Zuständigkeit ist nicht Verantwortung

In Unternehmen verbringen wir viel Zeit damit, Zuständigkeiten zu klären. Wer führt welchen Bereich? Wer darf welche Investition freigeben? Wer entscheidet über Einstellungen? Wer trägt Verantwortung für ein Ergebnis?

Das ist notwendig. Organisation braucht Klarheit darüber, wer wofür zuständig ist.

Unternehmerische Verantwortung folgt allerdings nicht immer denselben Grenzen. Eine Entscheidung kann organisatorisch eindeutig bei einer anderen Person liegen und trotzdem etwas berühren, wofür der Unternehmer weiterhin steht.

Das wird besonders dort sichtbar, wo Entscheidungen nicht nur einen einzelnen Vorgang betreffen, sondern das Unternehmen selbst. Welche Risiken wollen wir eingehen? Welche Art von Wachstum wollen wir? Wie gehen wir mit Menschen um, wenn wirtschaftlicher Druck entsteht? Welche Geschäfte machen wir bewusst nicht? Und welche Entwicklung wollen wir diesem Unternehmen überhaupt geben?

Solche Fragen lassen sich vorbereiten. Man kann Zahlen analysieren, Szenarien entwickeln und Menschen einbeziehen, deren Fachwissen weit über das eigene hinausgeht. Die eigentliche Verantwortung verschwindet dadurch nicht.

Delegation braucht Vertrauen

Für Unternehmer kann das eine ungewohnte Entwicklung sein. Viele Unternehmen entstehen schließlich nicht deshalb, weil jemand besonders gut darin war, Entscheidungen anderen zu überlassen. Sie entstehen, weil jemand eine Vorstellung hatte, Initiative ergriffen und Verantwortung übernommen hat.

Am Anfang ist diese Verbindung unmittelbar. Ein Problem entsteht, man kümmert sich darum. Eine Entscheidung muss getroffen werden, man trifft sie. Ein Kunde ist unzufrieden, man spricht mit ihm.

Mit zunehmender Größe funktioniert dieses Muster nicht mehr. Wer weiterhin überall beteiligt sein möchte, wird irgendwann selbst zum Engpass. Entscheidungen dauern länger, Führungskräfte bleiben abhängig und Verantwortung wird formal verteilt, ohne tatsächlich im Unternehmen anzukommen.

Delegation bedeutet deshalb mehr als Arbeitsteilung. Sie verlangt Vertrauen. Nicht das naive Vertrauen, dass schon alles gut gehen wird. Sondern das Vertrauen, dass andere Menschen Verantwortung übernehmen können, auch wenn sie Dinge anders entscheiden, als man selbst sie entschieden hätte.

Genau dort wird es interessant. Denn Verantwortung abzugeben bedeutet zwangsläufig auch, Einfluss abzugeben.

Die Grenze lässt sich nicht ins Organigramm zeichnen

Trotzdem glaube ich nicht, dass die Antwort darin liegt, unternehmerische Verantwortung einfach immer weiter zu verteilen. Es gibt einen Kern, der beim Unternehmer bleibt. Wo dieser beginnt, lässt sich allerdings schwer allgemeingültig definieren.

Bei einem inhabergeführten Unternehmen mit fünfzig Mitarbeitern wird er anders aussehen als bei einer Unternehmensgruppe mit mehreren Geschäftsführern. Ein geschäftsführender Gesellschafter besitzt eine andere operative Rolle als jemand, der sich aus dem Tagesgeschäft weitgehend zurückgezogen hat.

Die entscheidende Frage lautet deshalb vermutlich weniger: Welche Entscheidungen muss ein Unternehmer selbst treffen? Interessanter ist: Welche Entscheidungen berühren etwas, für das er persönlich einzustehen bereit sein muss?

Das können strategische Weichenstellungen sein. Fragen der Unternehmenskultur. Große Investitionen. Die Entscheidung gegen ein Geschäft, obwohl es wirtschaftlich attraktiv wäre. Oder ein Moment, in dem wirtschaftliche Interessen und die eigene Vorstellung davon, wie man unternehmerisch handeln möchte, nicht sauber zusammenpassen. Gerade dann reicht ein Verweis auf Zuständigkeiten nicht.

Verantwortung verändert ihre Form

Vielleicht besteht eine der Entwicklungen im Unternehmersein genau darin, dass sich das eigene Verständnis von Verantwortung verändert. Am Anfang bedeutet Verantwortung häufig, selbst zu handeln. Später bedeutet sie zunehmend, anderen zu ermöglichen, selbst zu handeln. Und irgendwann besteht sie möglicherweise vor allem darin, die Richtung zu halten, innerhalb derer andere Menschen Entscheidungen treffen können.

Das macht den Unternehmer nicht unwichtiger. Seine Rolle wird nur eine andere. Er muss nicht mehr jede Antwort geben. Dafür muss er klarer darin werden, welche Fragen nicht ausschließlich operativ beantwortet werden können.

Das setzt voraus, sich mit dem eigenen Unternehmen immer wieder auseinanderzusetzen. Mit seiner Entwicklung, seiner Haltung und der Frage, was man bereit ist zu verändern und was nicht. Denn wenn alles delegiert werden kann, müsste irgendwann auch niemand mehr Unternehmer sein.

So funktionieren Unternehmen aber nicht.

Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen. Auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Zuständigkeiten. Und es braucht jemanden, der für die Richtung des Ganzen einsteht.

Vielleicht zeigt sich unternehmerische Verantwortung deshalb nicht darin, möglichst viel selbst zu entscheiden. Sondern darin, sehr genau zu wissen, was man guten Gewissens anderen überlassen kann – und wo die eigene Verantwortung beginnt.

Frohes schaffen!
Timo Kaapke

Foto von Timo Kaapke

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