Eine Entscheidung dauert manchmal nur einen Augenblick. Ihre Wirkung kann Jahre brauchen. Diesen Unterschied halte ich für einen wesentlichen Teil des Unternehmerseins.
In Unternehmen werden jeden Tag Entscheidungen getroffen. Preise werden angepasst, Budgets verteilt, Prozesse verändert, Stellen besetzt oder Vertriebsmaßnahmen gestartet. Vieles davon gehört zum Management eines Unternehmens. Die Entscheidungen können komplex sein und weitreichende Konsequenzen haben. Trotzdem gibt es häufig innerhalb einer überschaubaren Zeit eine Rückmeldung.
Eine Kennzahl verändert sich. Kunden reagieren. Ein neuer Ablauf funktioniert oder funktioniert nicht. Die Organisation gibt ein Signal zurück. Zwischen Entscheidung und Wirkung liegt eine vergleichsweise kurze Strecke.
Unternehmerische Entscheidungen folgen häufig einer anderen Zeitrechnung. Eine größere Investition, der Aufbau eines neuen Geschäftsfelds, der Eintritt in einen neuen Markt oder eine grundlegende Veränderung der Positionierung kann heute entschieden werden. Ob daraus eine richtige Entscheidung wird, zeigt sich womöglich erst nach Monaten. Manchmal nach Jahren.
Dabei geht es mir nicht darum, Management und Unternehmertum gegeneinanderzustellen. Beides gehört zusammen und beides hat seine eigene Aufgabe. Management muss das Heute organisieren, verbessern und auf Veränderungen reagieren. Unternehmertum muss zusätzlich Entscheidungen über ein Morgen treffen, das in dieser Form noch gar nicht existiert.
Und genau darin liegt eine Schwierigkeit, über die wir aus meiner Sicht zu selten sprechen.
Wir sprechen viel über Entscheidungen unter Unsicherheit. Darüber, dass Unternehmer bereit sein müssen, Entscheidungen zu treffen, obwohl ihnen nicht sämtliche Informationen zur Verfügung stehen. Das stimmt natürlich.
Nur endet die Unsicherheit nicht mit der Entscheidung.
Wer entscheidet, hat damit noch keine Antwort darauf bekommen, ob die Entscheidung richtig war. Im Gegenteil. Bei langfristigen unternehmerischen Entscheidungen beginnt danach möglicherweise eine ziemlich lange Phase, in der genau diese Antwort fehlt.
Die Entscheidung ist getroffen. Die Investition ist gemacht. Die neue Richtung ist eingeschlagen. Der Erfolg aber ist noch nicht sichtbar. Diese zeitliche Verzögerung verändert etwas.
Im operativen Geschäft erleben wir ständig kleine Rückkopplungen. Wir verändern etwas und beobachten die Wirkung. Funktioniert es, machen wir weiter. Funktioniert es nicht, korrigieren wir. Dadurch entstehen nicht nur Informationen, sondern auch Erfolgserlebnisse. Entscheidung und Ergebnis stehen in einem erkennbaren Zusammenhang.
Bei langfristigen unternehmerischen Entscheidungen kann dieser Zusammenhang über lange Zeit unsichtbar bleiben. Das macht sie nicht automatisch wichtiger als Managemententscheidungen. Aber es macht sie anders. Denn zwischen der Entscheidung und ihrer möglichen Bestätigung entsteht ein Raum, den der Unternehmer selbst aushalten muss. Und dieser Raum ist keineswegs leer.
In ihm entstehen Zweifel. Neue Informationen kommen hinzu. Das Umfeld verändert sich. Andere Entscheidungen müssen getroffen werden. Vielleicht entwickelt sich das operative Geschäft schlechter als erwartet. Vielleicht tauchen plötzlich Alternativen auf, die zum Zeitpunkt der ursprünglichen Entscheidung noch gar nicht existierten.
Irgendwann stellt sich deshalb zwangsläufig die Frage, ob man weiterhin an seiner Entscheidung festhalten sollte. Genau hier wird es interessant.
Denn Geduld ist nicht automatisch unternehmerische Stärke. Man kann auch sehr lange an einer falschen Entscheidung festhalten. Gleichzeitig wäre es genauso problematisch, jede langfristige Entscheidung wieder infrage zu stellen, nur weil ihre Wirkung nicht schnell genug sichtbar wird. Unternehmersein bewegt sich irgendwo in diesem Spannungsfeld.
Man muss einer Entscheidung Zeit geben können, ohne sich ihr auszuliefern. Man muss offen für neue Erkenntnisse bleiben, ohne jede Unsicherheit sofort als Beweis dafür zu verstehen, dass die ursprüngliche Richtung falsch war. Dafür gibt es selten einen eindeutigen Zeitpunkt.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum unternehmerische Entscheidungen im Rückblick oft klarer erscheinen, als sie sich damals angefühlt haben. Wenn wir die Geschichte kennen, verbinden wir Entscheidung und Ergebnis miteinander. Wir sehen die Investition und das Unternehmen, das daraus entstanden ist. Wir sehen die neue Positionierung und den Markt, den sie erschlossen hat. Oder wir sehen die Entscheidung, die nicht funktioniert hat.
Im Rückblick liegt alles erstaunlich nah beieinander. Wer die Entscheidung damals treffen musste, hatte diesen Blick nicht. Er sah nur den Ausgangspunkt. Das gehört für mich zu unternehmerischer Verantwortung. Nicht immer zu wissen, was richtig ist. Auch nicht, unbeirrt an jeder einmal getroffenen Entscheidung festzuhalten. Sondern Entscheidungen über eine Zukunft zu treffen, deren Ausgang man nicht kennen kann, und anschließend verantwortlich mit der Zeit umzugehen, die zwischen Entscheidung und Wirkung liegt.
Manchmal verlangt diese Zeit Geduld. Manchmal verlangt sie eine Korrektur. Die Schwierigkeit besteht darin, das eine vom anderen zu unterscheiden. Erfolgserlebnisse kommen im Unternehmersein deshalb gelegentlich mit erheblicher Verspätung. Und manche Entscheidungen verstehen wir vermutlich erst dann vollständig, wenn wir längst die nächsten getroffen haben.
Frohes schaffen!
Timo Kaapke