Es gibt in einer Unternehmensnachfolge viele Tage, an die man sich später erinnern kann.
Der erste Arbeitstag im Familienunternehmen gehört vielleicht dazu. Die Übernahme der ersten Führungsverantwortung. Die Ernennung zum Geschäftsführer. Und irgendwann der Termin beim Notar, an dem Gesellschaftsanteile von einer Generation auf die nächste übertragen werden.
All diese Momente lassen sich in einen Kalender eintragen. Nur für einen der wichtigsten gibt es kein Datum: den Tag, an dem aus einem Nachfolger ein Unternehmer wird.
Vielleicht liegt das daran, dass dieser Moment gar nicht existiert. Unternehmersein entsteht nicht mit einer Unterschrift. Es entwickelt sich.
Gerade in Familienunternehmen lässt sich das gut beobachten. Die nächste Generation übernimmt häufig Schritt für Schritt mehr Verantwortung. Erst für Projekte, später für Menschen, irgendwann für Bereiche und schließlich für das gesamte Unternehmen.
Formal verändert sich die Rolle. Innerlich muss diese Entwicklung nicht im selben Tempo stattfinden.
Ein Nachfolger kann längst Geschäftsführer sein und seine Entscheidungen trotzdem noch an der vorherigen Generation ausrichten. Er kann Verantwortung tragen und gleichzeitig nach Bestätigung suchen. Selbst wer bewusst anders entscheidet als Vater oder Mutter, hat sich noch nicht zwangsläufig von deren Maßstab gelöst.
Das halte ich für einen völlig normalen Teil von Nachfolge.
Schließlich übernimmt die nächste Generation nicht irgendein Unternehmen. Sie tritt in eine Geschichte ein, die bereits lange vor ihr begonnen hat. Häufig hat sie die Menschen, die dieses Unternehmen geprägt haben, ihr gesamtes Leben erlebt. Deren Vorstellungen von Verantwortung, Erfolg und richtiger Unternehmensführung verschwinden nicht mit einem Gesellschafterbeschluss.
Deshalb reicht es nicht, Verantwortung lediglich zu übertragen. Die nächste Generation braucht Raum, eine eigene Vorstellung von Unternehmersein zu entwickeln. Das geschieht durch Entscheidungen. Durch Erfahrungen. Durch Erfolge und vermutlich noch stärker durch die Entscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen.
Mit der Zeit verändert sich dabei etwas. Die Frage „Was hätte mein Vater getan?“ verliert an Bedeutung. Auch der Wunsch, bestimmte Dinge bewusst anders zu machen als die vorherige Generation, wird schwächer.
An ihre Stelle tritt eine andere Frage:
Was halte ich für richtig?
Für dieses Unternehmen. Für die Menschen, die dort arbeiten. Für die Zukunft, für die ich inzwischen selbst Verantwortung trage. Vielleicht beginnt genau dort Unternehmersein. Nicht, weil die Geschichte plötzlich unwichtig wird. Herkunft bleibt ein Teil der eigenen Identität. Erfahrungen der vorherigen Generation bleiben wertvoll und auch deren Rat kann weiterhin wichtig sein.
Aber der Maßstab verändert sich. Aus übernommenen Vorstellungen entsteht eine eigene Haltung. Deshalb lässt sich eine Unternehmensnachfolge planen, strukturieren und irgendwann formal abschließen. Die Entwicklung vom Nachfolger zum Unternehmer folgt dagegen keinem Projektplan. Sie braucht Zeit.
Vielleicht sollten wir erfolgreiche Nachfolge deshalb nicht nur daran messen, ob Verantwortung übertragen wurde. Sondern auch daran, ob aus dieser Verantwortung irgendwann etwas Eigenes entstehen durfte.
Denn ein Unternehmen kann man übergeben. Unternehmersein muss entstehen.
Frohes schaffen!
Timo Kaapke