Wenn ein Familienunternehmen an die nächste Generation übergeben wird, fällt irgendwann fast zwangsläufig ein Begriff: Lebenswerk.
Darin steckt viel.
Jahre oder Jahrzehnte unternehmerischer Arbeit. Entscheidungen, die funktioniert haben, und solche, die sich als falsch erwiesen haben. Krisen, die überstanden wurden. Beziehungen zu Kunden, Mitarbeitenden und Partnern, die teilweise länger bestehen als manche Produkte des Unternehmens.
Wer dieses Lebenswerk übernimmt, übernimmt deshalb weit mehr als Gesellschaftsanteile. Er übernimmt eine Geschichte. Und mit dieser Geschichte entsteht häufig eine Erwartung: Bewahre, was aufgebaut wurde.
Ich kann diesen Gedanken gut verstehen. Trotzdem halte ich ihn für schwierig.
Denn was genau soll eigentlich bewahrt werden? Sind es die Produkte? Die Organisationsstruktur? Die Art, wie geführt wird? Das Erscheinungsbild der Marke? Die Märkte, in denen das Unternehmen tätig ist? Oder die Entscheidungen, mit denen die vorherige Generation erfolgreich geworden ist?
Wenn Nachfolge bedeutet, all diese Dinge möglichst unverändert zu erhalten, entsteht irgendwann ein Widerspruch. Denn die Bedingungen, unter denen die nächste Generation unternehmerisch handeln muss, sind nicht mehr dieselben.
Märkte verändern sich. Technologien entstehen. Erwartungen von Mitarbeitenden entwickeln sich weiter. Kunden verhalten sich anders und auch die Gesellschaft, in der ein Unternehmen arbeitet, bleibt nicht stehen.
Was gestern richtig war, muss morgen nicht falsch sein. Es muss nur nicht mehr richtig sein. Genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf das, was wir mit „Bewahren“ eigentlich meinen.
Vielleicht müssen Nachfolger weniger die Form eines Unternehmens bewahren und stärker seine Haltung verstehen.
Ein Unternehmen kann beispielsweise über Generationen für außergewöhnliche Kundennähe stehen. Früher bedeutete das vielleicht, dass der Unternehmer jeden wichtigen Kunden persönlich kannte. Heute kann dieselbe Haltung völlig andere Strukturen und Technologien erfordern.
Ein Familienunternehmen kann immer großen Wert auf seine Mitarbeitenden gelegt haben. Die konkrete Form von Führung darf sich trotzdem verändern. Auch eine Marke muss nicht aussehen wie vor dreißig Jahren, um ihrer Geschichte treu zu bleiben. Im Gegenteil: Manchmal muss sich ihr Ausdruck verändern, damit das, wofür sie steht, wieder sichtbar wird.
Das ist für mich ein entscheidender Unterschied: Tradition bedeutet nicht, die Form der Vergangenheit zu konservieren.
Es geht darum, zu verstehen, welche Haltung hinter dieser Form stand. Erst dann kann die nächste Generation entscheiden, was davon auch in Zukunft Bedeutung haben soll. Das verlangt allerdings etwas von beiden Generationen. Die übergebende Generation muss akzeptieren, dass Wertschätzung für das Lebenswerk nicht bedeutet, jede ihrer Entscheidungen fortzuführen. Und die übernehmende Generation sollte der Versuchung widerstehen, Veränderung allein deshalb für richtig zu halten, weil sie Veränderung ist.
Eine eigene Handschrift entsteht nicht durch möglichst große Abgrenzung. Sie entsteht durch Klarheit: Was hat dieses Unternehmen stark gemacht? Welche Überzeugungen tragen noch heute? Was ist lediglich entstanden, weil es unter den damaligen Bedingungen sinnvoll war? Und was braucht das Unternehmen jetzt?
Vielleicht liegt genau darin eine der anspruchsvollsten Aufgaben von Unternehmensnachfolge. Nicht zwischen Bewahren oder Verändern zu entscheiden. Sondern herauszufinden, was es wert ist, bewahrt zu werden – und was sich verändern muss, damit genau das erhalten bleiben kann.
Niemand übernimmt ein Unternehmen ohne Vergangenheit.
Aber niemand sollte deshalb ein Unternehmen ohne eigene Zukunft führen.
Frohes schaffen!
Timo Kaapke