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Was eine Idee braucht, bevor sie ein Projekt wird.

Es gibt einen Moment in der Entwicklung einer Idee, den ich für besonders interessant halte. Die ersten Überlegungen sind gemacht, eine Möglichkeit wird erkennbar und irgendwann stellt sich die Frage, ob wir daraus etwas machen wollen.

Bis dahin durfte der Gedanke wachsen. Wir konnten ihn von unterschiedlichen Seiten betrachten, mit anderen darüber sprechen und ihn auch wieder infrage stellen.

Doch sobald wir beschließen, uns ernsthaft damit zu beschäftigen, verändert sich der Erwartungsrahmen.

Plötzlich möchten wir wissen, wie groß die Chance ist, wie viel Aufwand notwendig wird und welches Ergebnis wir erwarten dürfen. Aus einer Möglichkeit wird ein Vorhaben, für das wir Verantwortung übernehmen müssen.

Das ist Teil des Unternehmerseins. Wir entscheiden schließlich darüber, wofür Menschen ihre Zeit einsetzen und welche Ressourcen einem Unternehmen zur Verfügung stehen.

Trotzdem frage ich mich, ob wir an dieser Stelle gelegentlich etwas vermischen. Wir möchten etwas herausfinden und erwarten gleichzeitig schon, dass etwas dabei herauskommt.

Die Erwartungen des laufenden Geschäfts

Ein bestehendes Unternehmen braucht Verlässlichkeit. Kunden erwarten Leistungen, Mitarbeitende benötigen Orientierung und wirtschaftliche Verpflichtungen müssen erfüllt werden.

Dafür haben wir Strukturen geschaffen. Wir planen, kalkulieren und beurteilen Ergebnisse. Wir versuchen, aus Erfahrungen zu lernen und unsere Arbeit so zu organisieren, dass sie möglichst zuverlässig funktioniert. Diese Haltung hat ihre Berechtigung. Ohne sie ließe sich ein Unternehmen auf Dauer kaum führen.

Schwieriger wird es, wenn wir dieselben Erwartungen auf etwas übertragen, das wir noch gar nicht ausreichend kennen.

Stellen wir uns vor, ein Unternehmen beschäftigt sich mit der Möglichkeit, eine neue Dienstleistung anzubieten. Es gibt eine interessante Beobachtung im Markt, vielleicht auch erste positive Rückmeldungen. Allerdings weiß noch niemand genau, wie groß der tatsächliche Bedarf ist und ob sich daraus ein tragfähiges Angebot entwickeln lässt.

Das Unternehmen könnte nun ein Projekt beschließen, dessen Ziel die Entwicklung und Einführung dieser Dienstleistung ist. Damit wäre allerdings bereits eine Annahme getroffen worden: dass die Dienstleistung grundsätzlich entwickelt werden sollte.

Was wäre, wenn genau diese Annahme erst einmal überprüft werden müsste?

Dann hätten wir eine andere Aufgabe vor uns. Wir müssten noch keine Dienstleistung entwickeln. Wir müssten zunächst herausfinden, ob die vermutete Möglichkeit überhaupt besteht.

Dieser Unterschied klingt kleiner, als er ist. Denn mit ihm verändert sich auch, woran wir die geleistete Arbeit messen.

Was ist ein gutes Ergebnis?

Bei einem laufenden Geschäft lässt sich Erfolg häufig recht konkret beschreiben. Eine Leistung wurde erbracht, ein Kunde gewonnen, ein wirtschaftliches Ziel erreicht.

Ein Versuch folgt einer anderen Logik. Sein Ergebnis kann darin bestehen, dass wir etwas bestätigen. Es kann aber ebenso darin liegen, dass wir eine Vermutung widerlegen oder eine entscheidende Schwierigkeit erkennen.

In beiden Fällen wissen wir anschließend mehr als vorher. Und dennoch werden wir diese Ergebnisse nicht immer gleich bewerten.

Wenn ein Versuch zeigt, dass eine Idee unter den gegebenen Bedingungen nicht tragfähig ist, entsteht schnell der Eindruck, die investierte Zeit sei vergeblich gewesen. Schließlich ist kein neues Geschäft entstanden.

Aber war das überhaupt der ursprüngliche Auftrag?

Wenn wir herausfinden wollten, ob eine bestimmte Möglichkeit besteht, kann eine begründete negative Antwort durchaus ein wertvolles Ergebnis sein. Sie verhindert möglicherweise, dass wir später erheblich mehr Ressourcen in eine Annahme investieren, die sich nicht bestätigt.

Die Schwierigkeit liegt für mich darin, diese Unterscheidung auch dann ernst zu nehmen, wenn die Erkenntnis unseren ursprünglichen Hoffnungen widerspricht. Denn natürlich beginnen wir einen Versuch selten völlig unvoreingenommen. Wer sich für eine Idee begeistert, möchte meistens auch, dass etwas daraus wird.

Ich kenne diesen unternehmerischen Impuls, aus Gedanken etwas machen zu wollen. Schließlich besteht ein wesentlicher Teil des Unternehmerseins darin, Möglichkeiten zu erkennen und ihnen eine konkrete Form zu geben.

Aber genau dieser Gestaltungswille kann dazu führen, dass wir zu früh an einer bestimmten Lösung festhalten. Dann versuchen wir irgendwann nicht mehr herauszufinden, ob unsere Idee trägt. Wir versuchen zu beweisen, dass sie trägt.

Die Verantwortung für einen Versuch

Damit stellt sich eine weitere Frage: Wie viel Freiheit darf ein Versuch bekommen?

Vollständige Offenheit klingt zunächst attraktiv. Wir könnten ohne feste Erwartungen arbeiten, unterschiedliche Richtungen ausprobieren und sehen, was sich entwickelt.

In einem Unternehmen hat diese Freiheit allerdings Grenzen. Zeit, Aufmerksamkeit und Geld stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Deshalb halte ich es für wichtig, einen Versuch bewusst als solchen zu ermöglichen.

Wir müssen nicht bereits wissen, welches Geschäft daraus entstehen könnte. Aber wir sollten eine Vorstellung davon haben, welche Frage wir beantworten möchten und welchen Einsatz uns diese Erkenntnis wert ist.

Darin steckt für mich ein anderer Umgang mit unternehmerischer Verantwortung.

Wir übernehmen Verantwortung, indem wir einen begrenzten Einsatz ermöglichen, obwohl das Ergebnis noch ungewiss ist. Gleichzeitig akzeptieren wir, dass die gewonnene Erkenntnis auch dazu führen kann, die Idee nicht weiterzuverfolgen.

Das ist anspruchsvoller, als es zunächst erscheint, denn ein Versuch entwickelt mitunter eine eigene Dynamik. Menschen beschäftigen sich damit, erste Ergebnisse werden sichtbar und aus einer anfänglichen Überlegung entsteht eine gewisse Verbundenheit.

Je mehr wir investiert haben, desto schwerer kann es werden, die ursprüngliche Frage noch einmal unvoreingenommen zu betrachten. Irgendwann steht dann nicht mehr allein die Idee zur Diskussion. Auch die bisherige Arbeit und die Erwartungen der Beteiligten spielen eine Rolle.

Wer an dieser Stelle einen Versuch beendet, muss deshalb möglicherweise mehr erklären als die sachliche Erkenntnis, die zu dieser Entscheidung geführt hat. Er muss deutlich machen, dass eine widerlegte Annahme die geleistete Arbeit nicht wertlos macht.

Wann aus Erkenntnis eine Entscheidung wird

Natürlich kann ein Unternehmen nicht dauerhaft im Versuch bleiben. Irgendwann müssen wir entscheiden, ob wir eine Idee weiterentwickeln, verändern oder beenden. Erst dann entsteht aus dem Erkunden möglicherweise ein Vorhaben mit einem konkreten Ziel.

Diesen Übergang finde ich entscheidend, denn ab diesem Zeitpunkt verändert sich die Verantwortung erneut. Wir haben eine Möglichkeit geprüft, bestimmte Annahmen bestätigt und andere verworfen. Auf dieser Grundlage können wir bewusster entscheiden, welche Verpflichtungen wir eingehen möchten.

Auch dann bleibt die Zukunft unsicher. Aber wir wissen besser, worauf wir unsere Entscheidung stützen. Das schützt uns nicht vor Irrtümern. Es verhindert auch nicht, dass ein späteres Projekt scheitern kann. Es schafft lediglich einen Unterschied zwischen dem, was wir noch herausfinden wollen, und dem, was wir bereits umzusetzen beschlossen haben.

Für mich liegt darin eine wichtige Form unternehmerischer Klarheit.

Der Wert einer offenen Möglichkeit

In meinem letzten TIMeOut habe ich über 26 Jahre Unternehmersein geschrieben. Und darüber, weshalb ich mich trotz aller Erfahrung immer wieder als Anfänger verstehe. Neugier gehört für mich dazu.

Doch Neugier allein reicht nicht aus. Wenn aus ihr etwas entstehen soll, braucht sie gelegentlich einen Platz im unternehmerischen Alltag, an dem eine Idee noch nicht die Erwartungen erfüllen muss, die wir an ein bestehendes Geschäft stellen.

Das bedeutet keineswegs, jede neue Überlegung verfolgen zu müssen. Viele Ideen dürfen Gedanken bleiben. Andere verlieren bei näherer Betrachtung ihren Reiz.

Einige verdienen jedoch einen begrenzten Versuch. Und manchmal besteht dessen wichtigstes Ergebnis darin, dass wir anschließend wissen, weshalb wir etwas nicht tun werden.

Auch das kann eine gute unternehmerische Entscheidung sein.

Vielleicht sollten wir deshalb genauer unterscheiden, wann wir etwas entwickeln wollen und wann wir zunächst etwas verstehen möchten. Denn aus einer guten Idee muss nicht zwangsläufig ein gutes Geschäft werden.

Aber aus einem guten Versuch sollte eine Erkenntnis entstehen, mit der wir verantwortlich weiterentscheiden können.


Frohes schaffen!
Timo Kaapke

Foto von Timo Kaapke

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